Wednesday, 18. february 2009 3 18 /02 /Feb. /2009 13:26

.

"In welcher Entfernung fliegen wir, um ihn so als Globus, wahrzunehmen? Wir sind allesamt Astronauten geworden, völlig deterritorialisiert: nicht so, wie es früher ein Fremder in der Fremde sein konnte, sondern bezüglich der ERDE aller Menschen gemeinsam.

Jedes Individuum verteidigte ehedem seinen Zipfel Erde, Bauer und Soldat gleichermaßen, weil es davon lebte, weil seine Ahnen dort ruhten: Der Karren und das Gewehr hatten, als gegenständliche Bindungen an den Boden, denselben sozialen Sinn wie das Grab. Die Philosophie erfindet das Dasein, das Hier-Ruht, und zwar in eben dem Augenblick, wo es verschwindet, wo die Erde integriert wird und vom Stück land zum Universum übergeht, wo ihr Name in Großbuchstaben geschrieben wird. Von diesem kleinen lokalen Hafen und seinen mittelmäßigen Gegenständen aus sind wir in See gestochen. Unsere jüngste Reise hat uns von der Erde zur ERDE geführt.

Die gesamte Menschheit fliegt in dem Sinne, wie die Astronauten schweben: fern von ihren Wohnsitzen und kabinen, aber mit der Menschheit verbunden durch alle verfügbaren Netze, durch die Summe von Geld, Arbeit und Fähigkeiten aller, so daß sie das gegenwärtige hochentwickelte menschliche Dasein repräsentieren.

Von oben gesehen, von diesem neuen hohen Ort aus, birgt die ERDE alle unsere Ahnen in unterschiedsloser Mischung: Die Universalgeschichte wird zum Universalgrab. Welchen Trauergottesdienst kündigen von weitem alle diese Rauchschwaden an? Und da von hier oben niemand Grenzen erkennen kann, die ohnehin abstrakt sind, darf man zum ersten Mal von Adam und Eva sprechen, unseren ersten gemeinsamen Eltern, also von der Brüderlichkeit. Endlich gibt es eine geeinte Menschheit."

Michel Serres, Der Naturvertrag.

von Sergio Adur - veröffentlicht in: Philosophie - Community: Freiheit der Gedanken
Kommentar hinzufügen - Kommentare (0)ansehen
Zurück zur Startseite
Erstellen Sie einen Blog auf OverBlog - Kontakt - Nutzungsbedingungen - Werbung - Missbrauch melden - Impressum